Herr Kelzenberg, wie ist das Qualitätssiegel Nachhaltiges Gebäude heute einzuordnen?
Markus Kelzenberg:
QNG bündelt bestehende Anforderungen an nachhaltiges Bauen und macht sie anhand eines staatlich definierten Rahmens sichtbar. Das Siegel betrachtet ein Gebäude nicht nur unter energetischen Gesichtspunkten, sondern verbindet ökologische, ökonomische und sozial-gesellschaftliche Qualitäten.
Damit wird deutlich, welche Gebäude bereits auf dem Weg zur Klimaneutralität sind und wie konsequent Nachhaltigkeitsanforderungen in Planung und Umsetzung berücksichtigt wurden. Voraussetzung für das QNG-Siegel ist eine Nachhaltigkeitszertifizierung über ein anerkanntes Bewertungssystem, beispielsweise das System der DGNB.
Warum reicht es nicht aus, ausschließlich auf den Energiestandard zu schauen?
Markus Kelzenberg:
Der Energiebedarf ist ein wichtiger Bestandteil nachhaltiger Gebäudequalität, bildet aber nur einen Teil der tatsächlichen Auswirkungen eines Gebäudes ab.
Entscheidend ist eine ganzheitliche Betrachtung über den gesamten Lebenszyklus. Dazu gehören beispielsweise:
- der Ressourcen- und Materialeinsatz,
- die Treibhausgasemissionen,
- die Bau- und Betriebskosten,
- die Qualität der Innenräume,
- die Anpassungsfähigkeit des Gebäudes,
- der spätere Rückbau und die Wiederverwendung von Materialien.
Ein Gebäude kann energetisch effizient sein und trotzdem bei Materialwahl, Nutzungsqualität oder langfristigen Folgekosten Verbesserungspotenzial aufweisen. QNG und die zugrunde liegenden Bewertungssysteme führen diese Aspekte zusammen.
Welche Rolle übernimmt die DGNB im QNG-Zertifizierungsprozess?
Markus Kelzenberg:
Das DGNB-System ist eine mögliche Bewertungsgrundlage für die QNG-Zertifizierung. Die entsprechenden Anforderungen sind in das System integriert, sodass ein Gebäude ökologisch, ökonomisch und sozial bewertet wird.
Wichtig ist dabei, dass Nachhaltigkeit nicht erst nach Abschluss des Gebäudes geprüft wird. Die Anforderungen sollten bereits frühzeitig in die Planung einfließen. So können unterschiedliche Varianten verglichen, Zielkonflikte erkannt und wirtschaftlich sinnvolle Lösungen entwickelt werden.
Nachhaltigkeit wird dadurch nicht zu einer nachträglichen Zusatzanforderung, sondern zu einem festen Bestandteil der Projektentwicklung.
Warum ist die frühe Planungsphase so wichtig?
Markus Kelzenberg:
Viele Eigenschaften eines Gebäudes lassen sich nach Baubeginn nur noch mit erheblichem Aufwand verändern. Deshalb sollten Nachhaltigkeitsziele möglichst früh definiert werden.
Die Lebenszyklusbetrachtung zeigt beispielsweise, wie sich heutige Entscheidungen langfristig auf Umweltwirkungen, Ressourcenverbrauch und Betriebskosten auswirken. Dabei geht es nicht nur um die Herstellung des Gebäudes, sondern auch um dessen Nutzung, Instandhaltung und spätere Verwertbarkeit.
Wer früh plant, kann Nachhaltigkeit und Wirtschaftlichkeit besser miteinander verbinden. Das ist sowohl für Bauherren als auch für spätere Käufer und Nutzer relevant.
Ist QNG auch für die Finanzierung und die Wirtschaftlichkeit einer Immobilie relevant?
Markus Kelzenberg:
Eine Nachhaltigkeitszertifizierung kann dazu beitragen, die Zukunftsfähigkeit eines Gebäudes nachvollziehbar zu dokumentieren. Das wird auch bei Finanzierungs- und Investitionsentscheidungen zunehmend relevant.
Zudem kann das QNG-Siegel Voraussetzung für bestimmte Fördermöglichkeiten sein. Entscheidend ist jedoch nicht allein der Zugang zu einer Förderung. Nachhaltige Gebäude können auch durch geringere Betriebskosten, eine bessere Anpassungsfähigkeit und eine langfristig stabile Nutzbarkeit wirtschaftliche Vorteile bieten.
Für Käufer und Investoren wird damit transparenter, welche Qualität sie erwerben und wie das Gebäude auf zukünftige Anforderungen vorbereitet ist.
Wird umfassendes nachhaltiges Bauen künftig selbstverständlich?
Markus Kelzenberg:
Davon ist auszugehen. Viele Anforderungen, die heute noch als zusätzliche Qualitätsmerkmale wahrgenommen werden, können sich langfristig zu etablierten Marktstandards entwickeln.
Ein vergleichbarer Prozess war bereits beim Energieausweis zu beobachten. Auch Themen wie Ressourcentransparenz, Lebenszyklusbetrachtung und die Wiederverwendung von Baustoffen dürften künftig weiter an Bedeutung gewinnen.
Gebäude sind dabei nicht nur Orte zum Wohnen und Arbeiten. Sie können auch als Rohstofflager verstanden werden. Materialien wie Stahl, Beton oder Holz sollten deshalb möglichst so eingesetzt werden, dass sie später getrennt, weitergenutzt oder wiederverwertet werden können.
Ist nachhaltiges Bauen zwangsläufig teurer oder nur im hochpreisigen Neubau realisierbar?
Markus Kelzenberg:
Nachhaltigkeit darf nicht mit maximalem technischem oder gestalterischem Aufwand gleichgesetzt werden. Auch einfacher und geförderter Wohnungsbau kann ressourcenschonend, gesund und langfristig nutzbar geplant werden.
Entscheidend sind kluge Prioritäten. Nicht jede Anforderung muss in jedem Gebäude identisch umgesetzt werden. Wesentliche Qualitäten wie Wohngesundheit, Schallschutz, Funktionalität und eine angemessene Nutzbarkeit dürfen dabei jedoch nicht vernachlässigt werden.
Nachhaltiges Bauen bedeutet, wirtschaftliche, ökologische und soziale Anforderungen sinnvoll miteinander auszubalancieren.
Die Prüfung in der Praxis: Der TÜV als Auditor
Während das Bewertungssystem die Anforderungen und Kriterien definiert, stellt die Auditierung sicher, dass die erforderlichen Nachweise vollständig, nachvollziehbar und prüffähig vorliegen.
Herr Herzogenrath, welche Bedeutung hat QNG für die Baupraxis?
Felix Herzogenrath:
QNG schafft einen transparenten Rahmen für nachhaltige Gebäudequalität. Definierte Kriterien machen nachvollziehbar, welche Anforderungen ein Projekt erfüllen muss und wie deren Einhaltung nachgewiesen wird.
Obwohl die Zertifizierung freiwillig ist, gewinnt sie an Bedeutung. Nachhaltigkeit, Klimaschutz, Energieeffizienz und eine belastbare Dokumentation werden für Bauherren, Käufer, Investoren und Nutzer zunehmend wichtiger.
Das Siegel allein reicht jedoch nicht aus. Voraussetzung ist eine entsprechende Gebäudezertifizierung über ein anerkanntes Bewertungssystem.
Welche Anforderungen sind für Projekte besonders anspruchsvoll?
Felix Herzogenrath:
Zu den besonders anspruchsvollen Bereichen gehören die Treibhausgasemissionen über den Lebenszyklus und die Anforderungen an die Barrierefreiheit.
Beide Themen sind inhaltlich von hoher Bedeutung und gleichzeitig nachweisintensiv. Bei der Lebenszyklusbetrachtung müssen zahlreiche Informationen zu Materialien, Konstruktion, Herstellung, Nutzung und späterem Rückbau zusammengeführt werden.
Auch die Barrierefreiheit muss frühzeitig in die Planung integriert werden. Werden entsprechende Anforderungen erst spät berücksichtigt, können Anpassungen aufwendig werden und erhebliche Auswirkungen auf Grundrisse, Erschließung und Baukosten haben.
Wie begleitet der TÜV Rheinland die QNG-Zertifizierung?
Felix Herzogenrath:
Der TÜV Rheinland übernimmt die Rolle des Auditors und bildet eine Schnittstelle zwischen Projektverantwortlichen und Zertifizierungsstelle.
Im ersten Schritt werden die Projektziele und die vorhandenen Planungsgrundlagen betrachtet. Ein frühzeitiger Pre-Check hilft dabei, kritische Punkte zu identifizieren, bevor sie den Projektablauf beeinträchtigen.
Im weiteren Verfahren werden die eingereichten Unterlagen auf Vollständigkeit, Nachvollziehbarkeit und Richtigkeit geprüft. Anschließend werden sie strukturiert für die Zertifizierungsstelle aufbereitet.
Eine gute Vorbereitung kann den späteren Prüfprozess deutlich vereinfachen. Entscheidend ist, dass die geforderte Qualität nicht nur geplant, sondern durch belastbare Unterlagen nachgewiesen wird.
Warum spielt die Dokumentation eine so große Rolle?
Felix Herzogenrath:
Bei einer QNG-Zertifizierung muss jeder relevante Schritt nachvollziehbar, überprüfbar und auditierbar sein.
Eine planerische Absicht allein genügt nicht. Es muss dokumentiert werden, welche Materialien eingesetzt, welche Berechnungen durchgeführt und welche Anforderungen tatsächlich erfüllt wurden.
Dazu können unter anderem gehören:
- Planungs- und Ausführungsunterlagen,
- Lebenszyklusberechnungen,
- Produkt- und Baustoffnachweise,
- Materialfreigaben,
- Nachweise zur Barrierefreiheit,
- Dokumentationen zur Innenraumqualität,
- Berechnungen zur Energieeffizienz,
- Ausführungs- und Abschlussnachweise.
Diese Dokumentation schafft Transparenz und sichert den Wert der Zertifizierung langfristig ab.
Welche Anforderungen gelten für Baustoffe und die Innenraumqualität?
Felix Herzogenrath:
QNG stellt konkrete Anforderungen an die Schadstoffvermeidung und die Qualität der Innenräume. Ziel ist es, gesundheitlich relevante Belastungen möglichst zu reduzieren.
In der Praxis müssen hierfür geeignete Baustoffnachweise vorliegen. Definierte Grenzwerte, beispielsweise für flüchtige organische Verbindungen, müssen berücksichtigt und die verwendeten Produkte entsprechend dokumentiert werden.
Für Käufer und Nutzer bedeutet das eine zusätzliche Sicherheit: Die Materialauswahl wird nicht ausschließlich nach gestalterischen oder wirtschaftlichen Kriterien getroffen, sondern auch im Hinblick auf gesundheitliche und ökologische Eigenschaften geprüft.
Welche zusätzlichen Aufgaben entstehen für Projektentwickler?
Felix Herzogenrath:
Eine Zertifizierung erfordert zusätzliche Koordination, Berechnungen und Nachweise. Entscheidend ist jedoch, wann diese Aufgaben in den Projektablauf integriert werden.
Werden die Anforderungen bereits in der frühen Planungsphase berücksichtigt, lassen sie sich strukturiert in bestehende Prozesse aufnehmen. Erfolgt die Auseinandersetzung erst zu einem späteren Zeitpunkt, können Aufwand und Komplexität deutlich steigen.
Eine frühzeitige Risikoabschätzung, klar definierte Zuständigkeiten und eine fortlaufende Dokumentation helfen dabei, Verzögerungen und kostenintensive Umplanungen zu vermeiden.
QNG bei Krieger + Schramm
Krieger + Schramm integriert QNG-Anforderungen bereits in frühen Projektphasen. Nachhaltigkeitsziele, Materialauswahl, Wohngesundheit, Energieeffizienz und erforderliche Nachweise werden dabei von Beginn an gemeinsam betrachtet.
Mehrere Neubauprojekte in der Metropolregion Frankfurt/Rhein-Main und im Raum München befinden sich im QNG-Zertifizierungsprozess. Dazu gehören Projekte für Eigennutzer ebenso wie Neubauwohnungen für Kapitalanleger.
Unser Anspruch besteht darin, Nachhaltigkeit nicht lediglich zu kommunizieren, sondern anhand nachvollziehbarer Kriterien in die Planung, Realisierung und Qualitätssicherung zu integrieren.
QNG macht sichtbar, was langfristige Immobilienqualität auszeichnet: verantwortungsvolle Planung, überprüfbare Standards und ein Gebäude, das auch für kommende Anforderungen vorbereitet ist.